Das "Bruttoinlandsprodukt" gemäss ESVG 2010  bleibt unsinnig

Das klingt unglaublich. Bitte lesen Sie daher die folgenden Ausführungen und bilden Sie sich dann selbst ein Urteil über diesen bedeutenden Wirtschaftsindikator (ESVG = Europäisches System volkswirtschaftlicher

Gesamtrechnungen, derzeit gilt die Version 2010).

Das Statistische Bundesamt definiert das Bruttoinlandsprodukt (BIP) so:

"Das BIP ist ein Mass für die wirtschaftliche Leistung einer Volkswirtschaft in einem bestimmten Zeitraum.

Es misst den Wert der im Inland hergestellten Waren und Dienstleistungen (Wertschöpfung), soweit diese nicht als Vorleistung für die Produktion anderer Waren und Dienstleistungen verwendet werden." 

Es ist sicher nützlich, diesen Güterherstell- oder Gütererzeugungswert - also die "Wertschöpfung" der Volkswirtschaft zu  kennen, aber es entstehen gleich zwei Fragen:

1. Wann ist eine Ware oder Dienstleistung keine Vorleistung, gehört also ins BIP?

   Antwort: Wenn die hergestellte Ware oder Dienstleistung von einem Haushalt erworben ist. Beispiel:

   Wenn ein Bauer Obst an eine Marmeladenfabrik verkauft die daraus Marmelade herstellt, ist dieser            Verkauf eine Vorleistung und betrifft das BIP nicht: Der Obstwert geht in  den Wert der Marmelade ein.    Verkauft der Bauer auch Obst auf dem Markt direkt an Haushalte, erhöht sich das BIP. 

 2. Was ist der Wert der von den Haushalten erworbenen Waren/Dienstleistungen?

Antwort: Was die Haushalte für die Waren/Dienstleistungen von ihrem Einkommen bezahlt haben. Also nicht etwa der Wert, den der Verkäufer sich vorstellt, sondern der  Marktwert.

Folgerung: Damit kann der Wert aller hergestellten Waren/Dienstleistungen nicht grösser sein als das Einkommen aller Haushalte. 

Nun geben viele Haushalte erfahrungsgemäss ihr Einkommen nicht vollständig aus, sie sparen.. In einer ordentlichen Volkswirtschaft stehen diesen Ersparnissen Güterbestände (Vorräte und Anlagen in den Unternehmen) und Forderungen an das Ausland aus Exportüberschuss (das ergibt "Bestände im  Ausland")gegenüber. Zwar werden Ersparnisse laufend aufgelöst, Vorräte verkauft oder verbraucht, Anlagen abgeschrieben und Güter importiert, aber dem stehen laufend neue Ersparnisse bzw. die Bildung neuer Vorräte, der Bau neuer Anlagen und neue Exporte gegenüber.   

Die Definition des BIP bezieht sich auf einen Zeitraum. Dieser hat einen Anfangszustand (mit bestehenden Ersparnissen bzw. Güterbeständen) und einen Endzustand  mit wahrscheinlich veränderten Ersparnissen bzw. Beständen. Bezogen auf einen Zeitraum ist also für das BIP auch die Veränderung der Ersparnisse bzw.der Vorräte, Anlagen (= Investitionen) und Auslandsforderungen mit zu betrachten. Das heisst, für einen Zeitraum gilt die einfache Gleichung

 

   Ausgaben der Haushalte für Güter >>>> gleicht dem Wert der verzehrten Güter

+ Veränderung der Ersparnisse        >>>> gleichtdem Wert der Änderung von Vorräten in Unternehmen

                                                              + Wert der Änderungen bei Anlagen/Investitionen in Unternehm.

                                                              + Wert der Änderungen Auslandsforderungen (Export - Import)

= Einkommen der Haushalte           >>>>  gleicht dem Wert der erzeugten Güter = BIP laut Definition  

Diese Erkenntnis ist nicht neu. So schreibt D.Krafft in seinem Buch

"Wirtschaftskreislauf und Sozialprodukt" (S. 42): 

"Der Wert der erzeugten Güter ist folglich mit dem Einkommen der Haushalte identisch".

Obige Gleichung wird nun mit den Zahlen des Jahres 2014 ausgefüllt, Zahlenquelle:

Statistisches Bundesamt,  Stand 18.1.2015, :  

 

  Volkswirtschaftliche Ergebnisrechnung für die BRD gemäss ESVG 2010, Jahr 2014 in Mrd.€:

Ausgaben d. Haush. f. Güter 1.878      =       Wert der verzehrt. Güter             1.878 

 

davon                                                                  davon  

private Konsumausgab.            1.317                     Wunschkonsum (indiv.gekaufte Güter)  1.317

(ohne Steuern auf Privatkonsum wie MWST)            (z.B.Kleidung)                    

Steuern auf Privatkonsum          286                      Staatskonsum (bezahlt mit Steuern)         561

(Teil d.) Steuern v.Einkommen   275                      (z.B. Besuch von Schulen) 

                          

+ Sparsumme der Haushalte 225   =                Wert der Bestandsveränderungen     225

                                                                           davon bei Vorräten            - 31

                                                                                     bei Anlagen/Invest.    67                                                                                                                   bei Export - Import       189

= Inlandseinkommen Haush. 2.104   =            Wert  der Gütererzeug.                     2.104  

davon                                                                  (Wertschüpfung, BIP laut Definition) 

Arbeitnehmerentgelt       1.479

Unternehmens- und

Vermögenseinkommen      697

Saldo der Primäreink.

mit der übrigen Welt         - 72

Hinweis: In dieser Ergebnisrechnung ist der den Ausgaben der Haushalte äquivalente Konsum von Gütern in "Wunschkonsum" und "Staatskonsum" aufgeteilt. Bekanntlich erzeugt "der Staat" (oder lässt erzeugen) eine Vielzahl von Gütern für  die Haushalte, die diese auch konsumieren (z.B. Bildungseinrichtungen oder Schutzsysteme wie Polizei / Bundeswehr). Die Haushalte bezahlen diesen Staatskonsum mit Steuern. Das heisst, mit jeder Steuerzahlung erwirbt ein Haushalt zugleich Staatsgüter, die erworbenen Staatsgüter gelten jedoch im Moment des Erwerbs als verzehrt, damit ist es für den Haushalt uninteressant, welcher Art die erworbenen Staatsgüter waren.

Die Haushalte zahlen Steuern direkt vom Einkommen und in Verbindung mit dem Wunschkonsum: Wenn ein Haushaltsmitglied in ein Geschäft geht um sich einen Güterwunsch zu erfüllen und z.B. 11,90 Euro an der Kasse bezahlt, steht auf der Rechnung / dem Kassenzettel heute meist zusätzlich "Nettowarenwert 10,00 Euro, Mehrwertsteuer 19% = 1,90 Euro". Tatsächlich hat der Haushalt ein Koppelgeschäft getätigt: Er hat das von ihm gewünschte Gut erworben und gleichzeitig auch Staatsgüter. Dieser Ablauf ist per Gesetz vorgeschrieben.  

     

Die Summe 2.104 Mrd€ ist der nach obiger Definition gesuchte Wert für die wirtschaftliche Leistung der BRD im Jahr 2014,  der "Gütererzeugungswert , die "Wertschöpfung",  das definionsgerechte BIP.

Diese volkswirtschaftliche Ergebnisrechnung ist klar aufgebaut, schlüssig und verständlich. 

Insbesondere weist diese Rechnung  aus, ob mehr Güter erzeugt als verbraucht sind, also gespart werden konnte, die Volkswirtschaft also "an sich" gesund ist. Die Volkswirtschaft der BRD ist gesund.  

Das "Europäische System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen (ESVG) ist mit diesem Ergebnis "nicht zufrieden" und es schreibt vor, der oben ermittelte Gütererzeugungswert muss um zwei Werte erweitert werden um zum BIP zu kommen - um Verwechslungen zu ver-meiden, sei ein nach ESVG-Vorgaben ermitteltes BIP jetzt mit "ESVG-BIP" bezeichnet. 

  

Wert der Gütererzeugung wie oben ermittelt Jahr 2014                           2.104 Mrd €

 +  Produktions- u. Importabgaben abzgl. Subv.   (1.Erweiterung)       +    287 "

 + Abschreibungen                                                  (2.Erweiterung)       +    512 "             

 = ergibt  das ESVG-BIP  für Jahr 2014                                                    = 2.903 "    

Diese beiden  Erweiterungen sind ökonomisch nicht begründbar,  führen in die Irre.

Zur 1. Erweiterung:

Wie oben unter "Hinweis" dargestellt, findet beim Privatkonsum ein Koppelgeschäft statt, die Haushalte bezahlen einmal den sogenannten "Herstellwert" an den Verkäufer und weiterhin Mehrwertsteuer, diese erhält zwar auch der Verkäufer aber er kassiert sie nur für den Staat und muss sie an diesen abführen. Diese Steuer ist eine Zahlung für die vom Staat den Haushalten ohne weitere Einzelberechnung gelieferten Güter, z.B. eine Schulausbildung für die Kinder. Zusammen mit ähnlichen Steuern sind dies die "Produk-

tions- und Importabgaben". 

Das ESVG erkennt  dieses Koppelgeschäft nicht. Sie erklären, wenn ein Haushalt Güter kauft, erfahren diese allein durch den Kauf einen Wertzuwachs in Höhe der enthaltenen Produktions- und Importabgaben (vor allem Mehrwertsteuer), dass es sich um Steuern handelt und der Staat dafür Güter liefert wird ignoriert. Daher enthalten in den Tabellen das Statistischen Bundesamtes die Privaten Konsumausgaben auch immer die Steuer, betragen für 2014 also 1.317 + 287 = 1.604 MrdEuro. Nach Ansicht der Wirtschaftswissenschaftler hat der Staat zwar für die erhaltenen Steuern (zu den erhaltenen Produktions- und Importabgaben kommen noch die Einkommenssteueren) Güter erzeugt (oder erzeugen lassen), diese aber nicht an die Haushalte geliefert sondern "selbst konsumiert" = Staatskonsum, im Jahr 2014 waren das 561 Mrd€. Zusammen mit einem Privatkonsum von 1.604  Mrd€ wären also Güter im Wert von 2.165 Mrd€ verbraucht  worden! Da die Ausgaben der Haushalte einschiesslich aller Steuern  nur 1.878 Mrd€ betragen (siehe Ergebnisrechnung oben), fehlen 287 Mrd€ - und die werden jetzt einfach in dieser  Erweiterung zugefügt. Diese Betrachtungsweise ist falsch, auch Wirtschaftswissenschaftler kritisieren sie: D.Brümmerhoff meint dazu in seinem Buch  "Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen" (8.Auflage, Seite 63) "... was ökonomisch keinen Sinn macht".

 

 

Zur 2.Erweiterung: Alle  Abschreibungen sind in der obigen Ergebnisrechnung bzw.  im "Wert der Gütererzeugung" bereits enthalten, das dürfte unstrittig sein. Wirtschaftswissenschaftler betrachten die Abschreibungen jedoch als Teil der "Wertschöpfung", diese besteht aber nur aus den im Markt- oder Bestandswert eines Gutes enthaltenen Einkommensteilen. Vielleicht gehen die Wirtschaftswissenschaftler davon aus, dass Machinen in der Fertigung Arbeitskräfte ersetzen, somit Lohn gespart wird und dafür Abschreibungen anfallen und  so werden  zu den Einkommensbestandteilen die Abschreibungen addiert  Das ist unsinnig und falsch. Die Abschreibungen erhöhen den Wert der erzeugten Güter, wertgleich nimmt aber das Anlagevermögen ab - innerhalb eines Unternehmens oder einer Volkswirtschaft entsteht kein Wertzuwachs bzw. keine "Wertschöpfung". Die 2. Erweiterung ist also falsch. 

Da diese beiden Erweiterungen unsinnig und falsch sind, ist auch das Bruttoinlandsprodukt unsinnig und falsch, da nichts zum Inlandseinkommen zu addieren ist.

Damit entfallen auch das Brutto-  das Nettonationaleinkommen.

 

Obwohl diese Ausführungen eigentlich überzeugen müssten oder mindestens Zweifel an der Richtigkeit des derzeitigen BIP-Systemes wecken sollten sind weder das Statistische Bundesamt noch befragte Wirtschaftswissenschaftler in der Lage, die von mir aufgezeigten Fehler zu erkennen. 

Im Heft 2010/5 der Zeitschrift wisu, das wirtschaftsstudium habe ich die obigen Ausführungen veröffentlicht in der Annahme, dass die Studierenden der Wirtschaftswissenschaften interessiert sind, auch von der Lehre abweichende Gedanken zu erfahren und ich habe um Stellungnahmen per email gebeten. Ich habe keine einzige email erhalten, weder zustimmend, noch ablehnend, noch nachfragend. Das hat mich doch sehr erstaunt. Es ist offensichtlich unvorstellbar, dass der vom Statistischen Bundeamt ermittelte BIP-Wert nicht der BIP-Definition  entspricht, eine Beschäftigung mit dem Thema gilt wohl als Zeitverschwendung.

 

Das BIP ist aber nicht irgendein Wirtschaftsindikator, der nur in Fachkreisen bekannt ist:

Das BIP gilt weltweit als Mass für die wirtschaftliche Leistung einer Volkswirtschaft.

Das BIP wird weltweit nach einheitlichen Regeln ermittelt (ESVG 2010).

Das BIP ist in den Verfassungen vieler Länder, auch in der der BRD, verankert.

Das BIP schränkt die Handlungsfähigkeit der Politiker ein ("Schuldenbremse").

Das BIP ist Orientierungspunkt für Entscheidungen in Wirtschaft und Politik.

Das BIP wird regelmässig in Presse und Fernsehen genannt und kommentiert.

Das BIP ist in weiten Teilen der Bevölkerung ein Begriff.

Bei dieser Bedeutung müssen strengste Anforderungen an diesen Wirtschaftsindikator gestellt werden. Die Definition und die Wertermittlung müssen unangreifbar sein.

Dieser Beitrag beweist, dass der vom Statistischen Bundesamt nach den Regeln der ESVG 2010 ermittelte BIP-Wert nicht der BIP-Definiton entspricht. Obige Ergebnisrechnung zeigt, wie ein definitionsgerechter Wert ermittelbar ist - die Abweichung zwischen beiden Werte ist enorm:

Wirtschaftliche Leistung der BRD im Jahr 2014 gemäss Defiition:         2.104 Mrd€,

"                     "           "    "       "   "      "       "          ESVG 2010:     2.903 Mrd€.

Auf welchen Wert bezieht sich nun die zulässige Nettokreditaufnahme des Bundes gemäss Paragraf 115 des Grundgesetzes? 

Es besteht Handlungsbedarf!

Es ist aber nicht zu erwarten, dass die zuständigen Stellen etwas unternehmen, diese sind überzeugt, BIP-Definition und BIP-Wert entsprechen sich.

Vielleicht werden sie aktiv, wenn obige Kritik vielstimmig vorgetragen wird.

Deshalb meine Bitte:

Stimmen Sie mir zu, schicken Sie einfach eine mail an bipfalsch@t-online.de

Halten Sie das jetzige System für richtig eine mail an   biprichtig@t-online.de

Januar 2015, Manfred Dieckow

   

Hinweis: Ein weiterer Beitrag zu diesem Thema ist von mir auf der Seite 

 www.bip-analyse.de veröffentlicht.